 |

10.05. Praktikumsbericht aus London von Julia Reuter
Ich lese und lese - ein paradiesischer Job



London. Stadt der Kulturen. Laut meinem Großonkel leben hier seit Kurzem mehr Ausländer als Engländer. Momentan bin ich eine von ihnen, denn ich mache gerade ein sechswöchiges Praktikum bei der Blake Friedmann Literary, TV and Film Agency im Stadtteil Camden.
|
 |
Vor einiger Zeit habe ich mir in den Kopf gesetzt, im Verlagswesen zu arbeiten. Diese Branche ist allerdings relativ klein, und dementsprechend schwierig ist es, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen und einen der begehrten Volontariatsplätze zu ergattern.

Um meine Chancen zu verbessern und ein bisschen internationale Luft zu
schnuppern, habe ich beschlossen, für ein Praktikum nach Großbritannien
zu gehen. Und da der überwältigende Großteil der britischen
Verlagslandschaft in London ist, fiel die Wahl automatisch auf diese
Weltstadt.
Die Agentur existiert seit 1982, als die Julian
Friedmann Literary Agency und die Carole Blake Literary Agency von ihren
Gründern zusammengefügt wurden. Zurzeit arbeiten in dem – sehr kleinen
und labyrinthartigen – Büro dreizehn Festangestellte. Außerdem gibt es
den Großteil des Jahres vier Praktikanten, von denen zwei für die Film-
und zwei für die Buchseite arbeiten. Das Büro ist so winzig, dass viele
Schreibtische einfach im „Flur“ stehen.
Ich wandere im Laufe
meines Praktikums zwischen drei Schreibtischen hin und her. Nach einer
Woche „Eingewöhnungszeit“ werde ich gleich an die Rezeption geschickt,
an der ich für das Telefon, für die Tür und für die allgemeine
E-Mail-Adresse zuständig bin. Am nervenaufreibendsten ist der
Telefondienst, besonders, wenn der Mensch am anderen Ende der Leitung in
einem dicken irischen Akzent spricht.
Zu den Rezeptionspflichten
zählt auch, Tee und Kaffee zu machen. Das ist auch gar nicht so
einfach. Wer außerhalb von Großbritannien weiß zum Beispiel, dass „white
tea“ nicht weißer Tee sondern schwarzer Tee mit ungefähr einem halben
Liter Milch ist? Als Nicht-Britin habe ich noch viel zu lernen.

Aber was genau macht eigentlich eine Literaturagentur? Sie ist quasi die
Schnittstelle zwischen Autor und Verlag. Täglich kommen mit der Post
ungefähr zwanzig unangeforderte Manuskripte von hoffnungsvollen Autoren,
die gerne von der Agentur repräsentiert werden möchten.
Es ist
meine Aufgabe, diesen Stapel, den sogenannten „slush pile“, zu
sortieren. Wer hat schon einmal ein Buch oder einen Artikel
veröffentlicht? Wer hat den Kontakt über Beziehungen hergestellt? Diese
Manuskripte werden „geloggt“, den Rest lese ich sofort.
Meistens
reicht leider schon das Anschreiben, um herauszufinden, ob ein
Manuskript vielversprechend ist. Allerdings kommen einige der
erfolgreichsten Kunden von Blake Friedmann von diesem Stapel, daher darf
ich diese Aufgabe nicht unterschätzen.
Außerdem gibt es noch
Manuskripte, die die Agenten direkt angefordert haben. Ich bin mir nicht
sicher, wie sie von solchen Projekten erfahren haben, da ich aber
Zeugin des unglaublichen Kontaktnetzwerks der Agenten geworden bin,
überrascht es mich nicht. Bei solchen und auch bei vielversprechenden
Manuskripten aus dem „slush pile“ beten die Agenten häufig um ein
Gutachten.
Und das ist es auch, womit ich den Großteil meiner
Zeit verbringe: ich lese und lese und lese – nach meiner Meinung ein
paradiesischer Job, auch wenn mir natürlich nicht alle Manuskripte
gefallen. Doch mir macht es Spaß zu überlegen, warum mir die Manuskripte
nicht gefallen.
Sind es die Charaktere? Der Plot? Ist
irgendetwas unschlüssig? Oder gefällt mir der Schreibstil nicht? Oft ist
es eine unbestimmte Abneigung, und ich muss lange überlegen um sie zu
begründen. Über diese Aspekte schreibe ich ein Gutachten von ungefähr
einer Seite, damit sich der Agent ein Bild von dem Text machen kann.

Falls sich der Agent dazu entscheidet, den Autoren unter Vertrag zu
nehmen, wird das Manuskript zunächst schon einmal ein bisschen auf
Vordermann gebracht, auch wenn später natürlich noch das Lektorat
dazukommt. Dann wird überlegt, zu welchen Verlagen der Text passen
könnte, und ungefähr fünfzehn bis zwanzig Exemplare werden an die
jeweiligen Lektoren geschickt.
Wenn sich ein Agent erst einmal
dazu entschlossen hat, einen Autoren zu repräsentieren, findet sich
früher oder später auch ein passender Verlag. Mit diesem werden dann die
Konditionen vereinbart. Welche Rechte möchte der Verlag gerne kaufen?
Weltrechte? Englischsprachige Rechte? Über welchen Zeitraum? Was ist mit
den Audio- und digitalen Rechten?
Für Blake Friedmann ist
hierbei allerdings nicht nur ein Buch interessant; vielmehr wird ein
Autor durch die gesamte Karriere hindurch begleitet. Dabei ist natürlich
wichtig, dass der Agent hundertprozentig hinter ihm beziehungsweise ihr
steht – oft entsteht eine tiefe Beziehung zwischen Autor und Agent.
Dem
Terminkalender der Agenten nach zu schließen, treffen sie sich so
häufig wie möglich auf ein Mittagessen oder bleiben telefonisch mit
ihren Klienten in Kontakt. Auch ansonsten scheinen die Agenten ein sehr
spannendes Leben zu führen: Partys, Get-Togethers, Preisverleihungen…
Doch
dieser Schein trügt: Der Job eines Agenten ist sehr stressig. Schon
über einen Monat vor den Buchmessen fallen die Wochenenden aus, und
oftmals wird eine E-Mail auch einmal mitten in der Nacht verschickt.
Diese
Zeit ist übrigens ein spannender Zeitraum, da Mitte April die London
Book Fair stattfindet. Obwohl die Frankfurter Buchmesse immer noch der
Vorreiter ist, hat die Messe in London mittlerweile einen ähnlichen
Status erreicht – und dementsprechend groß ist der Planungsaufwand.
Da
das Gastland dieses Jahr Südafrika ist, werden zwölf südafrikanische
Autoren der Agentur eingeflogen, sodass sie bei diversen Lesungen,
Diskussionsforen und privaten Terminen die Werbetrommel rühren können.
Ich bin dafür zuständig, dass die Terminkalender der Autoren immer auf
dem neuesten Stand sind. Außerdem darf ich bei einigen interessanten
„pre-fair meetings“ teilnehmen, bei denen ich die Agenten in Action sehe
– wow!

Da auch mir nach stundenlangem Lesen die Augen flimmern, gehe ich noch
ein bisschen in der Umgebung spazieren. Blake Friedmanns Sitz ist in dem
ultra-hippen Stadtteil Camden, das seine Berühmtheit eindeutig
verdient.
Es gibt viele schöne Häuser und eine Menge
interessanter Läden. Die Märkte von Camden sind besonders beliebt und
platzen am Wochenende fast aus den Nähten. London selbst ist leider so
groß, dass ich nicht einmal versuche, einen Überblick zu bekommen.
Wie
auch in jeder Großstadt ist es am besten, sich ein paar Ecken
auszusuchen und diese dann gehörig auszukundschaften. Für mich sind das
Camden, der Portobello Road Market und der Buchladen Foyles – ich kann
es einfach nicht lassen!
Nach Ende der sechs Wochen fliege ich
zufrieden nach Hause: Das Praktikum war eine tolle Erfahrung, und mein
Praktikumszeugnis wird in der Zukunft hoffentlich den einen oder anderen
Arbeitgeber überzeugen. |
 |
|
|
 |
Montag, 10. Mai 2010/web407
Letzte Änderung: 22.06.10/web407
|
 |


|
 |
|